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Normaler Leistungsbetrieb
Auch während des normalen Leistungsbetriebs eines Siedewasserreaktors entsteht durch Radiolyse im Reaktorkern laufend Wasserstoff. Dies geschieht durch die Einwirkung der Gamma- und Neutronenstrahlung auf das Kühlwasser, wodurch die Wassermoleküle (H2O) aufgetrennt werden und sich in Folge die Radiolysegase Wasserstoff und Sauerstoff bilden.
Bei SWR-Anlagen liegt in dem Sinne ein offenes System vor, dass die durch Radiolyse gebildeten Gase mit dem im Reaktordruckbehälter (RDB) produzierten Frischdampf ständig zur Turbine abtransportiert werden. In der Turbine gibt der Dampf seine Energie ab und wird im Kondensator der Turbine kondensiert, um anschließend wieder über Kondensat- und Speisewasserpumpen dem Reaktorkern als Kühlwasser zugeführt zu werden.
An bestimmten Stellen des Frischdampfsystems und der Turbine besteht jedoch die Gefahr einer Anreicherung von Wasserstoff und Sauerstoff, so dass detonationsfähige Gemische (Knallgas) entstehen können. Deshalb muss durch eine entsprechend leistungsfähige Dauerentlüftung dafür gesorgt werden, dass die mit dem Dampf antransportierten Radiolysegase wieder abtransportiert werden. Aus dem Turbinenkondensator werden die Radiolysegase daher der Abgasanlage zugeführt, wo sie durch gezielte Rekombination an speziellen Katalysatoren wieder in Wasser umgewandelt werden.

Wasserstoffproblematik unter Stör- und Unfallbedingungen
Auch nach einem Abschalten des Reaktors entsteht weiterhin sogenannte Nachzerfallswärme , die noch über einen längeren Zeitraum abgeführt werden muss. Wenn in dieser Situation das Reaktorkühlsystem ausfällt, heizen sich die Brennstäbe aufgrund der fehlenden Wärmeabfuhr kontinuierlich auf. Durch den weiterhin stattfindenden Verdampfungsprozess des Kühlwassers sinkt bei ausbleibender Wasserzufuhr der Füllstand im Reaktordruckbehälter und die Brennstäbe können (ganz oder teilweise) freigelegt werden. Die freigelegten Teile der Brennstäbe stehen dann nicht mehr mit dem Kühlwasser in Kontakt, aber noch zu dem im unteren Bereich des Reaktorkerns weiterhin entstehenden Wasserdampf. Bei fortschreitender Aufheizung des Reaktorkerns reagiert das in verschiedenen Strukturmaterialien des Reaktorkerns (u. a. im Hüllrohrmaterial der Brennstäbe) enthaltene Material Zirkaloy mit dem Wasserdampf. Die zu Grunde liegende chemische Reaktion verläuft exotherm, d. h. es wird dabei zusätzlich Wärme freigesetzt. Als Produkt dieser Reaktion werden erhebliche Mengen von Wasserstoff (H2) gebildet.
Die Aufheizung der Brennstäbe und die einsetzende Reaktion mit dem Wasserdampf stellt das erste Stadium einer Kernschädigung dar. Die Prozesse führen dazu, dass Druck und Temperatur im Reaktordruckbehälter ansteigen. Um den Reaktordruckbehälter vor Versagen zu schützen, werden durch eine Druckentlastung der entstandene Dampf und Wasserstoff abgelassen. Bei diesem Vorgang werden auch gasförmige und leichtflüchtige Spaltprodukte, die sich im Reaktordruckbehälter befinden, aus diesem ausgetragen. Beim Siedewasserreaktor geschieht der Vorgang der Druckentlastung derart, dass das Wasserstoff-Dampf-Gemisch über spezielle Sicherheits- und Entlastungsventile in die Wasservorlage der Kondensationskammer eingetragen wird. Dort kondensiert der Dampf im Wasser der Kondensationskammer und heizt dieses auf. Kann die Kondensationskammer nicht gekühlt werden, steigt deren Temperatur soweit an, dass neu eingetragener Dampf nun nicht mehr kondensiert werden kann und der Druck in der Kondensationskammer ansteigt. Da die Kondensationskammer ihrerseits mit dem Sicherheitsbehälter verbunden ist, steigen in Folge der Druck und die Wasserstoffkonzentration im Sicherheitsbehälter.
Da der Sicherheitsbehälter als letzte Barriere gegen den Austritt radioaktiver Stoffe fungiert, muss er entsprechend geschützt werden. Als Schutz vor der Zündung des Wasserstoffs mit Sauerstoff (Knallgasexplosion) ist der gesamte Sicherheitsbehälter mit Stickstoff gefüllt (Inertisierung). D. h. der Sicherheitsbehälter wurde mit dem reaktionsträgen Gas Stickstoff (Inertgas) gefüllt und somit der Luftsauerstoff aus dem Sicherheitsbehälter verdrängt. Um ihn vor Überdruck infolge ansteigender Temperaturen in der Kondensationskammer zu schützen, wird das entstehende Gasgemisch gefiltert über das Reaktorgebäudedach in die Atmosphäre abgegeben und so der Druck gesenkt. Diese Druckentlastung des Sicherheitsbehälters wird auch als Venting bezeichnet.